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 Neal
Morse
"sola scriptura"

( 2007 Radiant Records; Inside/Out;
SPV /
'Plattenläden';
online; Asaph Musik )
Neal Morse wird es bisweilen
nicht leicht gemacht. - Da sind diese wutschreibenden, zynischen, abgehobenen
Szeneheinis, nicht nur in Deutschland, die ihrer hyperprogressiven Schreibkunst
fröhnen, dabei "ihren" Rock-Instrumentalisten Neal Morse
auf Knien anbeten und den Christen Neal Morse abgrundtief hassen. Dort
sind jene ganz ohne Zucker obercool frömmelnden christlichen Szenemenschen,
wiederum nicht nur in Deutschland, die vornerum "ihren" Neal
Morse für seinen Glauben und seinen Worship hysterisch vereinahmen
und hintenraus seine progressive Multiinstrumentenkunst nicht auf die
Reihe bekommen. - Ey, das Musikgeschäft ist manchmal echt lustich...

Den Protagonisten selbst läßt diese Achterbahnfahrt der szenischen
Meinung völlig kalt: Nach einem Album über seine Hinwendung
zu diesem Jesus Christus ("testimony",
2003), den einen Glauben & Retter ("one",
2004), den Heiligen Geist der Einheit ("?
[question mark]", 2005), diversen Worship-Projekten
sowie einem Cover-Album, widmet er sich dem reformatorischen Kernsatz
(samt Reformator): "allein die Schrift" ("sola Scriptura").
Morse ist so, spielt so, schreibt so - und kann nicht anders! Wider allen
Konventionen des Musikgeschäfts und christlichen Nischenmarktes fährt
er seinen Progressive-Rock-Panzer auf und feuert Riffe im Verbund mit
lyrischen Glaubensbekenntnissen ab. - ...und sei es in einem Zeitalter
wie dem Heutigen, wo die reformatorischen Grundsätze zwar noch als
historische Tatsachen geschätzt werden, aber längst nicht mehr
als tragbar und kulturrelevant gelten.

Beim Anblick des CD-Covers vermutete ich zunächst irgendsoeine typische
mystische Metal- oder Gothic-Combo, erst beim Realisieren des Albumtitels
erschloß sich die Metapher. Man kann auf Luthers Zeit schließen,
die Epoche der Reformation, mit ihrer sinnbildlichen Tempelreinigung und
dem sich auftuenden Lichtspalt des mächtigen, lebensbringenden Wortes
Gottes. Oder man versteht es als das letzte Werk eines Mönchs, der
das Kloster besenrein dem weltlichen Herrscher übergeben muß,
nachdem letzterer die Klöster und Orden verboten bzw. aufgelöst
hat. - All das gibt das vermeintlich schlichte Cover durchaus her... Zumindest
wird Morse mit dieser Symbolik sicher keine Absatzprobleme haben, denn
sowas fügt sich "ins Genre" sicherlich unproblematisch
ein, trotz knallharter Inhalte!

Das neue Werk "sola scriptura" ist eine Art poetische Rockoper
in drei Akten, plus einer Bridge vor dem finalen Akt. Die drei Hauptteile
sind förmlich in einzelne Kapitel aufgeteilt, die entsprechend eigenen
Motiven bzw. Songs gleichkommen (siehe Booklet!), jedoch nicht
extra unterteilt sind auf der CD! Zwischen die letzten beiden Teile fügt
sich die Pianoballade "heaven in my heart". Morse hatte den
Eindruck es würde noch was fehlen auf dem Album - und in der Tat,
das "kurze" fünfminütige Stück macht das Werk
runder und erhöht gleichzeitig die Spannung.

Bei
der musikalischen Ausgestaltung des Opus wurde nichts an Bombast gespart:
Lange, kernige Gitarrenriffs, starke Bassläufe und jede Menger netter
ProgRock-Finessen vereinen sich zu einer kleinen Rock-Sinfonie. Besonders
gefallen mir dabei die Passagen, wo sich der Sound zu Refrain-artigen
Hooklines aufbaut. Das gibt dem 76-Minuten Werk die festen Säulen
und das gewisse Etwas. Multiinstrumentalist Neal Morse bekam beim Einspielen
und Produzieren wieder zahlreiche Untersützung von Musikerkollegen.
In bewährter Weise waren Mike Portnoy (Schlagzeug) und Randy George
(Bassgitarre) beteiligt - im Prinzip die Morse-Band. Als besonderer Gast
konnte Paul
Gilbert (ehemals in der Hardrock-Band 'Mister
Big') gewonnen werden, der durch seine begnadete Gitarrenarbeit der
Platte hohen Wiedererkennungswert verleiht. Weiterhin waren eine Streicher-Sektion
sowie diverse Background-Vokalisten am Aufnahmeprozeß beteiligt.
Morses Gesang kann man mitunter gar nicht als solchen bezeichnen, denn
er schlüpft manchmal in die Rolle eines Shouters, ähnlich einer
Metal-Band (vgl. Anfang von "the conflict"). Die Vokals kommen
somit etwas abgehackt, weniger melodisch rüber, was jedoch den dramatischen
Effekt von "sola scriptura" unterstreicht.

In den Texten gelingt es Morse sowohl die sich ausweitenden Konflikte
von Luthers Thesen mit dem Papsttum und "der Kirche" als auch
Luthers innere Konflikte (z.B. sein Kampf mit dem Teufel) zusammen darzustellen
und in einen küstlerischen Ausdruck zu verschmelzen. Der erste Akt
heißt "the door" ("Die Tür") und legt den
Grundstein der Auseinandersetzung, die Tür öffnet sich symbolisch
und man blickt quasi in die verschiedenen durchkämpften Räume.
Dann geht es über in den zweiten Akt, "the conflict" ("Der
Konflikt"), wo eine Auseinandersetzung Gut/Böse stilisiert wird,
aber auch Raum für die Darstellung von Gottes Geborgenheit bleibt
(sozusagen die Rettung für den gläubigen Luther). Im finalen
Akt, "the conclusion" ("Die Lösung"), wird die
reformierte Kirche sowie das Ehepaar Luther als Bild für die Beziehung
von Christus zu seiner Braut (= die Gemeinde/ Kirche) gebraucht. Davor
steht der Einzelsong "heaven in my heart" als Blick in Luthers
Seele. Morse hat sich beim Schreiben versucht in den Reformator hineinzuversetzen,
als jener sich beim Reichstag in Worms auf seinen Verteidigungsauftritt
vorbereitete: Sein ganzes Vertrauen aber auch alle seine Zweifel setzt
Luther auf Gott, auf seinen Heiland Jesus Christus. Es ist der Versuch
einer Vertonung in Perspektive auf den lutherischen Epochensatz "Ich
stehe hier und kann nicht anders". - Die Wahrheit, die Luther allein
aus Gottes Wort (= Die Bibel/ Heilige Schrift) erkannt hat, wird in seinem
Herzen durch Jesus Christus lebendig und dringt unweigerlich nach außen.
Durch den Heiligen Geist wohnt Gott in Luthers Herzen und damit der ganze
Himmel. Wer nun diesen mächtigen Gott auf seiner Seite (in sich!)
hat, kann getrost in die Schlacht ziehen.

Fazit: Die Bibel-infizierten Morse-Vertonungen
seit 2003 wirken eigentlich erst in ihrer Ganzheit und Zusammenschau richtig.
Insofern ist "sola scriptura" für alle derzeitigen Morse-Hörer
eine Pflicht-Investition. Aber auch als Einstieg in das Mors'sche ProgRock-Universum
taugt der Opus rund um Luthers Schrifterkenntnis, denn darin liegt letztlich
auch ein Ausgangspunkt, sich dem christlichen Glauben anzunähern
bzw. auszuliefern: sich nämlich mit der Bibel, der Heiligen Schrift,
zu beschäftigen und seinen Glauben allein auf diesen Worten Gottes
zu bauen. - Unbeschreiblich guter und qualitativ hochstehender Musik sind
polarisierende Inhalte beigeordnet, die ihre Wirkung jedenfalls nicht
verfehlen werden. - Allein die Schrift, weil sie wirksam ist und weil
sie von Gott ist!
Hinweis: Die CD erscheint am 23. Februar 2007 in
Deutschland bzw. Europa!
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